SONNENDECK.FM ILLUSTRATION MOTION DESIGN

Bulli

Lionas (2009)

 

Blaue Busse (2009)
 
Pinta (2009)
 
Turnerment (2009)
 
Unten (2009)
 
Waldstück (2009)
 
San Olvido (2009)
 
Havarie (2010)
 
Wendekreis (2009)
 
Bergstück 3 (2009)
 
Petersberg (2009)
 
Überflug (2010)
 
Rettung (2011)
 

Nostalgie, mit kaum einem technischen Gegenstand ist sie mehr verbunden als mit dem VW Bulli. Alle Gefühle der Freiheit, des Südens und der Sommersonne sind damit verbunden. Meist sind es die Gründerjahre junger Familien, die nach einenm Platz an der Sonne verlangen, nach einem mit eigenem Dach natürlich. Oft überwiegt die Kunst des Improvisierens und der Erfolg über Geleistetes vor dem Mangel an Komfort und moderner Sicherheit. Und zudem tut sich eine Nische auf zum Verschwinden aus der aalglatten Anonymität und aus der ganzen Spießigkeit sowieso.

Nicht jeder Bulli hat es ins Heute geschafft. So manches Bulli-Wrak liegt in ewiger Vergessenheit zwischen damals und heute als ein Haufen Blech im Gebüsch, auf rostigen Halden oder mitten in der Wüste. So weit die Räder tragen. Schade nur, daß Blech keine Geschichten erzählen kann von den vielen tausend Kilometern Staub und Teer unter sich. Einen solchen Zeitzeugen traf ich oberhalb von Monterosso/5-Terre in Italien. Ich stieß eher unfreiwillig darauf, als ich meiner Blase ganz unbeobachtet in hohem Bogen einen Steilhang hinunter Erleichterung verschuf und das Prasseln auf Blech mich stutzig machte. Selber stand ich zwei Schritte von meinem eigenen Bulli entfernt und konnte dabei über das merkwürdige Nebeneinander von Vergessenheit und Anwesenheit grübeln. Später musste ich feststellen, dass das Wrack erstaunlich gut im Lack stand.

Meinen ersten Bulli kaufte ich meiner Studienkollegin ab, machte TÜV und verließ Deutschland im Herbst für vier Monate. Der Bulli begleitete mich nach Finnland und wir hätten beinahe das Nordkap im Winter bezwungen. 14 Kilometer fehlten noch, aber trotz Winterreifen geriet die Situation aus den Fugen. Wir fuhren Hänge quer bergauf und bergab und von einer Straße war in der pechschwarzen Dunkelheit nichts mehr zu sehen. Erstmals wurden Bulli und ich in die Knie gezwungen. Das tat uns beiden weh. Später verkaufte ich das Fahrzeug mangels Restaurierungssetat an einen Zivildienstleistenden aus Garmisch Partenkirchen. Viele Jahre später erlebte ich eines der vielen Buswunder, die sich um den Bulli ranken. Meine Freundin verliebte sich neu, zufälligerweise in den damaligen Käufer meines ersten VW-Busses, der bis dahin niemals zuvor in unser Leben getreten war. So bekam ich nochmals einen Gruß aus der Vergangenheit von dem Fahrzeug, das mich auch bei minus 17 Grad und nach einer durchfrorenen Nacht am Rande ernsthafter Erfrierungen nicht verlassen hatte.

Den zweiten Bus fand ich auf der Insel Reichenau per Inserat. Schon bei der ersten Besichtigung gab es keine Zweifel: Hier steht meine Freiheit, mein Süden, meine Sonne. Ich schlug ein, bevor überhaupt über den Preis geredet wurde. Und ich bereute nichts. Die Eltern des Verkäufers gaben das Fahrzeug aus Altersgründen ab und ich erstand den umlackierten Schweizer Fernmeldebus mit doppeltem Unterboden, eingeschweißt für den Feld-, Wald- und Wieseneinsatz für 1700 DM. Und er war liebevoll eingerichtet, vom Waschbecken bis zur Schranktürverkleidung mit Fisch- und Storchmotiven. Nach Entschlackung bis auf die Liegen fuhr dieser Bus in alle Himmelsrichtungen ohne die kleinste Panne. Er stand an der Ostsee, der Nordsee, dem Mittelmeer und auf nahezu allen ernstzunehmenden Alpenpässen. Er trugt den Namen Urs Kurswagen, weil er aus der Schweiz kam und weil nichts an ihm an Stillstand dachte. Er war der Feriengarant für meine junge Familie und der Packesel eines heranwachsenden Haushaltes. Heute steht er ein paar Stadtteile weiter und fährt Steine für seinen neuen Herrn und Meister. Reisen wird er wohl nie mehr.

Wegen Geschichten wie diesen und aus tausend anderen Gründen bin ich der Meinung, dass Technik niemals menschennäher entwickelt wurde als im Model T2 von VW. Und gerne unterstütze ich den Kult und die Saga um den Bulli in Wort und Tat, und sei es nächstes mal wieder mit dem Bulligruß auf der Superstrada Richtung Süden mit aufblinkendem Fernlicht für den T2 auf der Gegenfahrbahn irgendwohin. Hauptsache kein Stillstand.